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Immersion in Games – Eintauchen in eine andere Welt

Warum gehen uns manche Spiele so extrem unter die Haut, andere aber weniger?

Unter Medienexperten, und dazu zählen nicht nur diese für Computerspiele, sondern auch für Filme, Bücher oder Musik, gibt es den Begriff der sogenannten Immersion. Dieser bezeichnet grob das Eintauchen in eine andere Welt. Besonders gern verwendet wird der Begriff, seit Virtual Reality ein Trend geworden ist. Das Eintauchen in diese virtuellen Welten wird oft unter die Immersion subsumiert. Tatsächlich ist dieser Begriff aber deutlich älter und wurde schon für die Beschreibung von analogen Medien wie Büchern verwendet.

Um es mit eigenen Worten zu umschreiben: Immersion ist, wenn man ein Medium rezipiert und sich dabei in die im Medium dargestellt Welt einfühlen kann. Der Aspekt der Emotion spielt dabei eine große Rolle. Je mehr für den Inhalt der dargestellten Welt gefühlt wird, desto mehr Zeit investiert man auch in deren Konsum.

Die Theorie hinter der Immersion

Wie das Ganze funktioniert, lässt sich am Besten mit der Theorie der willentlichen Aussetzung der Ungläubigkeit, oder schöner „The Willing Suspension of Disbelief“ von Samuel Coleridge (1817) erklären. Diese Theorie besagt, dass der Rezipient eines Werkes sich vorübergehend bewusst auf dessen Inhalt einlässt, auch wenn das Dargestellte unglaubwürdig oder rein fiktiv wirkt. Nur dann kann das (Kunst-) Werk zum Genuss führen. Damals bezog man sich eben vor allem noch auf Bücher und Theaterstücke, heute lässt sich die Theorie aber ebenfalls auf diverse Medien anwenden anwenden. Finden wir nicht Trash-Filme wie Sharknado, bei denen weder die Story glaubwürdig wirkt, noch die Requisiten und Spezialeffekte qualitativ überzeugen, dennoch sehr unterhaltsam? Das geht nur, weil wir uns auf diese völlig absurde Fiktion einlassen. In diese Welt eintauchen.

In unserem digitalen Zeitalter existieren zahlreiche immersive Medien. Moderne Computerspiele sind dabei Medien, die ein besonders hohes Potential für die Immersion aufweisen. Denn sie beschäftigen nicht nur Augen und Ohren, sondern regen durch verschiedene Hilfsmittel wie Story oder Interaktivität unsere Gefühle beim Spielen an. Je besser das dem Game gelingt, desto mehr geht es auch unter die Haut.

Jeder Mensch empfindet jedoch anders, was auf ihn unterhaltend oder emotional wirkt. So gibt es auch unterschiedliche Arten der Immersion und Mittel mit denen sie erreicht wird.

Beispiel 1: Immersion durch Spielregeln und Erfolg

Zum einen gibt es Gamer_innen, die Spiele dann besonders fesselnd empfinden, wenn die Spielregeln und der Erfolg gelöster Aufgaben auf sie einwirken. Diesen Aspekt möchte ich mit dem Beispiel Counterstrike: Global Offensive untermalen. Eines der Spiele, das immer wieder mit Gewaltereignissen verbunden wird und daher heftig in der Diskussion steht, das andererseits aber auch Grundlage für groß angelegte Turniere mit Millonen an Zuschauern und üppigen Preisgeldern ist.

Das Spielprinzip ist simpel: Zwei Teams aus jeweils 5 Spielern müssen an verschiedenen Spielorten gegeneinander antreten und eine Bombe erfolgreich platzieren, bzw. die Detonation ebendieser verhindern. Dazu ist jeder bewaffnet und kann die gegnerischen (oder auch eigenen) Spieler über den Haufen schießen. Der Handlungsraum, die Map, ist klein und begrenzt und bietet kaum Hintergrundstory. Die Spannung und das Fesselnde am Spiel ergibt sich aus den einfachen Regeln: Überleben und die Aufgabe bezüglich der Bombe erledigen. Und das über mindestens 15 Runden lang. Schaffen Spieler_innen diese Aufgabe, gibt es ein Erfolgserlebnis, das zum Weiterspielen animiert und damit langfristig immersiv wirkt.

Dasselbe Prinzip verfolgen auch die derzeit sehr beliebten Battle Royale Games. Eine große Anzahl an Spielern wird auf einen Handlungsraum geworfen, am Ende kann es nur einen Sieger geben, der durch die Regeln des Spiels bestimmt wird. Wer auch einmal dieser glorreiche Sieger sein möchte, wird von dieser Gameworld stark in ihren Bann gezogen.

Counterstrike: Global Offensive – Screenshot Steam Shopseite

Beispiel 2: Immersion durch Ästhetik

Zum anderen gibt es offensichtlichere Merkmale, die zur Immersion in Computerspielen beitragen. Zusammengefasst habe ich sie hier unter dem Punkt Ästhetik. Damit gemeint ist insbesondere die audiovisuelle Gestaltung, also die grafische Umgebung und die Soundkulisse.

In eine andere Welt lässt sich optisch dann besonders gut eintauchen, wenn sie möglichst realistisch gebaut ist, also optisch unserer realen Welt entspricht. Schwierig wird dies in zweidimensionalen Pixel-Art Games, deutlich leichter in Welten die fotorealistisch und dreidimensional angelegt sind. Wenn die Bäume sich im Wind biegen, Blätter durch die Luft segeln und das Sonnenlicht in zarten Strahlen durch die Äste fällt, fühlen sich Rezipient_innen fast wie in einem echten Wald und erleben durch diese grafische Nähe die Immersion.

Neben der optischen Gestaltung trägt auch der Sound zum Eintauchen bei. Das kann auf simple Weise geschehen, wie durch musikalische Motive, die bestimmten Landschaften zugeordnet sind und die Spieler_innen zu einer Wiedererkennung und damit Verbindung mit dem Gebiet bewegt. Aber auch aufwendige Soundkulissen, die weniger melodisch sind und viel mehr durch ein Zusammenspiel aus Harmonien und Geräuschen einen Klangraum erzeugen, sind ein wichtiges Werkzeug für die Immersion.

Besonders gelungen ist die Soundkulisse in Hellblade: Senuas Sacrifice. Dort wird der von Psychosen geplagten keltischen Heldin im Spiel immer wieder von allen Seiten durch Stimmen etwas eingeflüstert. Rezipiert man das Game selbst mit Kopfhörern, hat man diese Stimmen ebenfalls im eigenen Kopf und erlebt die Welt von Senua hautnah.

Beispiel 3: Immersion durch Narration

Zuletzt möchte ich noch die Immersion durch Narration, also durch die Erzählung selbst aufführen. Wenn nun weder durch erfolgsbasierte Regeln, noch durch eine fotorealistische Welt mit aufwendiger Klangkulisse Immersion erreicht werden möchte, kann dies aber auch noch durch den Fluss der Erzählung im Game geschehen. Wer ein storylastiges Spiel beginnt, bekommt den Inhalt generell nur häppchenweise serviert. Ein kurzer, meist intensiver Einstieg, Handlungsszenen, Cutscenes und Schlussvideos. Je länger diese Story verfolgt wird, desto mehr möchte man über die darin enthaltenen Charaktere erfahren und wissen, wie es weitergeht.

Dieser Drang nach Wissen fesselt Spieler_innen vor den Bildschirm und bewegt sie dazu, tief in diesen Hintergrund der handelnden Personen einzutauchen. Vielleicht sogar eigene Mutmaßungen über den Fortgang anzustellen und diese anschließend widerlegt oder bestätigt zu bekommen.

Ein Beispiel dafür wären Telltale Games The Walking Dead Spiele. Die comicartige Grafik trägt weniger zur Immersion durch Realismus bei, verschafft dem Game aber einen sehr eigenen Charme und mildert die harte Erzählung etwas ab. Die Soundkulisse, vor allem aber die exzellent eingesprochenen Dialoge, tragen sehr zum Einfühlen in das Spiel bei. Hauptsächlich wird die Immersion hier aber durch die Narration selbst erreicht, denn als Spieler_in möchte man unbedingt wissen, wie die Geschichte rund um Clementine fortgeführt wird. Ob es ein gutes oder tragisches Ende geben wird.

Fazit

Die Immersion ist ein wichtiges Mittel, um Spiele für Rezipient_innen intensiver, spannender und fesselnder zu machen. Mit dem Ausbau der Virtual Reality Technik ergeben sich zukünftig noch mehr Möglichkeiten, ein Game durch Ästhetik immersiv zu gestalten, weil Ohren und Augen durch die VR Hardware völlig auf das Spiel gerichtet sind und durch die Vereinnahmung die reale Welt zugunsten der virtuellen Welt komplett ausgeblendet werden kann.

Für manche Game Genres kann Immersion allerdings auch unangebracht sein. Beispielsweise für Serious Games, also Spiele, die einen Bildungsauftrag verfolgen oder schwierige geschichtliche Ereignisse aufarbeiten, kann es von Nachteil sein, in gewisse Charaktere hineinfühlen zu lassen, da die eigene Differenzierung darunter leidet. Damit wird der eigentlich gewollte Effekt der Serious Games untergraben.

Generell kann aber festgehalten werden, dass Immersion für kommerzielle Spiele unerlässlicher Bestandteil ist. Denn ein als „sehr gut“ empfundenes Spiel ist meistens ein solches, das starke Immersion durch mindestens eine der hier aufgeführten Kategorien aufweist.

Bildquellen:

Titelbild: Photo by Michael Dziedzic on Unsplash

Counterstrike GO: Screenshot von der Steam Shopseite

 

 

 

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