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The Suicide of Rachel Foster – diese Familiengeschichte geht unter die Haut

Wer großen Wert auf Story legt und sich in Games auch gerne mit tiefgreifenden Fragen auseinandersetzt, wird The Suicide of Rachel Foster bestimmt schon länger auf der Wunschliste gehabt haben.

Das Spiel ist am 19.02.2020 unter Daedalic Entertainment als Publisher auf Steam erschienen.

Es gibt viel zu entdecken – auf Details kommt es an

The Suicide of Rachel Foster ist ein sogenannter Walking Simulator. Mit diesem Begriff werden Games bezeichnet, die eine lineare oder Open World bieten, welche aber bis auf ein Erkunden zu Fuß und wenigen Interaktionen kaum weiterführende Spielmechanismen aufweisen. Sie leben hauptsächlich von der Story, welche der Rezipient durch die eigenständige Erkundung erfährt und aufdeckt. Einer der ersten erfolgreichen Walking Simulatoren war das Game Dear Esther, welches sich mit Tod und Verlust beschäftigt, aber nicht viel mehr als ein Spaziergang durch eine trostlose Küstenlandschaft, untermalt mit Botschaften eines Erzählers, war.

Seither lässt sich als roter Faden für dieses Genre festhalten, dass gerne Themen mit psychologischem Tiefgang ausgewählt werden. Andere bekannte Vertreter wie Gone Home oder What remains of Edith Finch greifen ebenfalls psychische Probleme oder mysteriöse Familienflüche wieder auf. Mit Firewatch erschien 2016 ein Walking Simulator, der die Storyführung auf eine ganz neue Ebene hob. An dieser Art des Erzählens orientiert sich auch das vorliegende Game.

Selbstmord – immer ein heikles Thema

Bei dieser Geschichte handelt es sich um die Lebensgeschichte der  junge Frau Nicole, welche nach dem Tod ihrer Eltern das alte Familienhotel erbt. Doch hinter den Mauern steckt eine tragische Familiengeschichte: Nicoles Vater Leonard hatte vor vielen Jahren eine Affäre mit einem jungen Mädchen namens Rachel, einer Pastorentochter, welche daraufhin Selbstmord beging. Die Familie brach nach diesem schrecklichen Ereignis auseinander. Nicole und ihre Mutter ziehen weit weg von ihrer ursprünglichen Heimat.

Nicole kommt nach dem Tod der Mutter nur kurz zurück zum Hotel, um dessen Wert schätzen zu lassen. Doch ein Schneesturm zwingt sie vorerst vor Ort zu bleiben. Dort entdeckt sie durch Unterlagen und Hinweise Ungereimtheiten rund um den Selbstmord von Rachel Foster. Außerdem wirkt das Hotel wie verflucht, als ob der Geist von Rachel immer noch hier leben würde. Nicole beginnt eine eigene Untersuchung. Doch diese wird immer mysteriöser, je tiefer sie in die Geschichte eintaucht.

Die helfende Stimme aus dem Telefon

Kurz nach der Ankunft im Hotel, bekommt Nicole einen Helfer zur Seite gestellt. Irving, angeblich ein Bürohengst für eine Behörde, steht Nicole über ein Funktelefon ständig zur Verfügung. Allerdings weckt diese dauerhaft präsente Stimme ohne Körper sofort Erinnerungen an andere Games wie Bioshock, wo die helfenden Worte durch das Funkgerät am Ende eine völlig andere Absicht verfolgten.

Irving hilft Nicole sich im Hotel zurecht zu finden und ist der rote Faden, welcher Ziele vorgibt, die abgearbeitet werden müssen. Die junge Frau ist am Anfang sehr skeptisch, tritt emanzipiert und selbstsicher gegenüber Irving auf. Allerdings taut sie bald auf und fasst Vertrauen. Vom förmlichen „Sie“ bleibt bald nur noch ein „Nicky“ übrig, auch die Gespräche werden sehr persönlich. So baut auch der Rezipient eine positive Beziehung zu der Stimme aus dem Telefongerät auf. Wenn das mal nicht schief geht.

Ablauf

Das Spiel ist in mehrere Tage unterteilt. Immer am Ende des jeweiligen Tages findet ein Autosave statt, der den Spielstand sichert. Selbst speichern ist nicht möglich.Während dieser Tage sind bestimmte Aufgaben zu erledigen, die Irving durch das Funkgerät durchgibt.

Es gibt zwei Enden zu erreichen. Je nachdem, wie Nicole sich nach dem Ergebnis ihrer Untersuchung am Ende entscheidet, gibt es zwei unterschiedliche Dialoge zum Schluss zu erleben.

Stimmung

Obwohl das Game nicht als reines Horror Game verkauft wurde, erlebt man als Rezipient einige Momente, die eine äußerst gruselige Grundstimmung aufbauen. Alleine im Hotel festsitzen, der Strom fällt aus und nur noch eine Taschenlampe spendet Licht, Gegenstände fallen von der Wand, es scheint der Geist von Rachel im Gemäuer zu spuken… Die Entwickler verstanden es hervorragend, durch Lichteinsatz und vor allem durch Geräusche eine Situation zu erzeugen, die so wirkt als würde jederzeit ein Jump Scare um die Ecke kommen.

Dafür genutzt wurde die Eigenschaft des binauralen Hörens. Dies bedeutet, dass Geräusche realitätsnah erzeugt werden können, wenn der Spieler Kopfhörer nutzt, da beide Ohren getrennt angesteuert werden können. So werden knarzende Türen und andere Geräusche so platziert, dass sie beim Spielen tatsächlich so wirken, als kämen sie von hinten oder der Seite. Auch die Geräuschkulisse mit pfeifendem Wind und bedrohlich, aber dezent erklingenden Blechblasinstrumenten trägt zum selbst erzeugten Horror bei.

Bewertung

Den Spielspaß als solchen zu bewerten fällt aufgrund der heftigen Thematik schwer. Viel mehr muss man hier sehen, wie sehr die Story von Nicole und Rachel einen in den Bann zieht. Sobald das Spiel gestartet war, wird nicht nur Nicoles eigenes Befinden, sondern auch die zunächst glasklare Selbstmordgeschichte um Rachel interessant. Doch die Widersprüche sind schnell bemerkt und man möchte unbedingt wissen, was die Wahrheit dahinter ist. Und ja, wie zu erwarten steht ein alles verändernder Plottwist am Ende parat. Leider dauert das nicht besonders lange, etwa 3 Stunden Spielzeit sind bei normalem Spieltempo drin.

Zwei negative Punkte müssen hier angemerkt werden: Einerseits die deutsche Übersetzung, welche mancherorts zu steif wirkt und dadurch nicht flüssig zu lesen ist. Die Englische Sprachausgabe ist daher zu bevorzungen. Andererseits Irving: Er mischt ständig dazwischen, wenn man nur in Ruhe durch das Hotel streifen möchte. Teilweise wirkt es auch so, als hetzt er einen von Punkt zu Punkt und winkt mit dem Zaunpfahl, damit der Spieler auch ja in der Story vorankommt. Wenn man selbst Gegenstände entdeckt noch bevor das von der Story vorgesehen war, kann man nicht mit ihnen interagieren. Das nervt ziemlich wenn man selbstständig erkunden möchte.

Grafisch ist das Game schön geworden. Wer auf Details achtet entdeckt aber schnell, dass einige Assets doppelt und dreifach verwendet wurden (z.B. allein in der Master Suite findet sich auf dem Esstisch ein Notizbuch von Leonard mit handschriftlichen mathematischen Formeln und Berechungen und auf der Küchentheke liegt nocheinmal dasselbe mit genau den gleichen Formeln).

Der größte Pluspunkt ist die Musik und die Geräuschkulisse im Game, die wie beschrieben dazu beiträgt, dass der Walking Simulator wie ein Horrorspiel wirkt, ohne tatsächliche Scares zu enthalten. Äußerst gelungen!

Das Spiel rangiert zwar mit knapp 17€ noch unter den günstigen Games auf Steam. Ob dies für 3 Stunden Spielzeit gerechtfertigt ist, muss man selbst entscheiden. Für einen Sale kann der Titel aber definitv auf die Wunschliste, wenn das Genre der storylastigen Walking Simulatoren sowieso etwas ist, dass einem gefällt.

Spielspaß
Grafik / Design
Musik
Steuerung
Innovation
Story
Reicht niedrige Hardware?
Durchschnitt:

Bildquellen:

Selbstmord ist kein Thema, das leichtfertig unter den Tisch gekehrt werden soll. Wer sich selbst in schwierigen Situationen befindet, kann Hilfe finden, z.B. bei der Telefonseelsorge.

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